Invasion der Königinnen

Drag Queen bei der Invasion auf Pines, Fire Island, im Jahre 2013. Image by Domenico Sciurti

Es war ein angenehmer Sommerabend im Jahre 1976. Terry Warren hatte sich schick gemacht. Sie wollte den Abend genießen, ein Gläschen trinken, vielleicht jemanden kennen lernen. Weil sie sich nach Abwechslung sehnte, fuhr sie dafür mit der Fähre auf die Pines auf Fire Island. Doch als sie dort vor den Türen einer Gaststätte stand, wurde Terrys Ausgehfreunde prompt beendet: Der Inhaber verweigerte ihr den Eintritt, weil er in seiner Gastwirtschaft keinen Mann in Frauenkleidern haben wollte.

 Image by Domenico Sciurti

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Terrys Abend war beendet. Später erzählte sie ihren Freunden, was ihr widerfahren war. Die waren so erbost über den Vorfall, dass sie für den anstehenden Feiertag einen Racheplan ausheckten. Angeführt von Tom Hansen aka Panzi, der Homecoming Queen des benachbarten Ortes Cherry Groves, bewaffneten sich Terrys Freunde mit Glitter und Boas, bunten Kleidern und Stöckelschuhen. Im Wassertaxi auf den Weg zu den Pines wurden noch schnell die Lidschatten nachgezogen. Neun Männer und ihr Geld konnten die Bewohner von Pines nicht ausschließen, auch wenn diese neun Männer aussahen wie Frauen. Der 4. Juli 1976 wurde somit zur Geburtsstunde der Drag-Invasion auf Pines auf Fire Island.

Fast vierzig Jahre später bestimmt gute Stimmung und Tanzlaune den 4. Juli auf den Pines auf Fire Island. Jedes Jahr treffen sich dort an diesem Tage Schwule, Lesben, Bi- und Transexuelle, sowie alle, die dabei sein wollen, um dem Protest gegen konservative Denkstrukturen zu gedenken und daran zu erinnern, dass jeder Mensch, egal welcher sexuellen Orientierung, gleich ist. Dieses Jahr hatte die Invasion der Pines neben der traditionellen Veranstaltung sogar einen weiteren Grund zum Feiern: Denn knapp zwei Wochen zuvor hatte das Oberste US-Gericht den Defense of Marriage Act (Doma) für verfassungswidrig erklärt und somit ein Gesetzt von 1996 aus dem Weg geschafft, das eine Gleichstellung von Homosexuellen auf Bundesebene unmöglich machte.

Die einen zeigen ihr Sixpak, die anderen packen ihre neuen Brüste in enge Kostüme. Ölig scheint unter strahlend-blauem Himmel viel braungebrannte Haut – manche von einem feinen Sonnenschirm geschützt. Es wird getrunken und getanzt, überall ertönen Bass und Beats, um das Inselvolk in Bewegung zu halten. Fire Island ist Touristenattraktion und zukunftsweisende Hoffnung zugleich: Überall hängen stolz Flaggen – von den USA – aber mehr noch: Regenbogenflaggen. Auf den Pines auf Fire Island schwul zu sein, fühlt sich an, wie endlich Zuhause angekommen zu sein. Wo man nicht diskriminiert wird, für das, was er oder sie – oder was alles dazwischen liegt und darüber hinaus geht – ist.

 Image by Domenico Sciurti

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