Kompromisse für den Frieden

Zeynep (Name geändert) ist Muslimin und lesbisch. Beides zusammen, passt nicht, sagt sie. Deswegen lebt sie ihren Glauben so aus, wie sie will. Im Interview spricht die 28-jährige Deutsche mit türkischen Wurzeln über die Hürden bei ihrem inneren Outing, über die Entscheidung, nie alles gegenüber anderen preisgeben zu wollen und über ihre Überzeugung, dennoch irgendwann einmal gemeinsam mit ihrer Freundin leben zu können.

Zeynep trägt normalerweise keine Kopfbedeckung. Doch ihre Angst, von ihrer Familie als Lesbe ausgemacht zu werden, ist groß. - Image by Domenico Sciurti

Zeynep trägt normalerweise keine Kopfbedeckung. Doch ihre Angst, von ihrer Familie als Lesbe ausgemacht zu werden, ist groß. – Image by Domenico Sciurti

Das Zeyneps Nachbarin so interessant war, irritierte die damals 16-jährige Türkin sehr. Der Gedanke, sie könnte lesbisch sein, kam ihr zum ersten Mal. Zwei Jahre und eine eigens forcierte Beziehung mit einem Mann später, sah Zeynep ein, dass ihr Frauen gefielen, nicht Männer. Die heute 28-Jährige führt seit mehr als vier Jahren eine glückliche Beziehung mit einer deutschen Frau. Doch ganz offen geht sie damit immer noch nicht um – wegen ihrer Eltern, die streng muslimisch sind. Weil die auch nicht verstanden, wieso Zeynep mit ihrer vermeintlich besten Freundin zusammenlebte, mussten die zwei sogar wieder in verschiedene Wohnungen ziehen. Zeynep möchte unerkannt bleiben und ihren richtigen Namen nicht nennen. Zu groß ist das Risiko, dass die falschen Menschen über ihre sexuelle Orientierung erfahren.

Wann hattest Du Dein inneres Outing? Wann hast Du gemerkt, dass Du lesbisch bist?
Als ich 16 war faszinierte mich meine Nachbarin sehr. Sie war älter als ich, etwa 23 oder 24 Jahre alt. Sie war dünn, hatte lange schwarze Haare und einfach eine supergeile Ausstrahlung. Das war das erste Mal, dass ich den Gedanken hatte, ich könnte lesbisch sein. Ich habe ja auch dem Klischee entsprochen: Ich war sportlich, spielte Fußball. Freunde sagten mir immer wieder, dass ich ein männliches Auftreten hätte. Ich wollte es aber nicht wahrhaben.
Was hast Du gemacht?
Ich habe mir einen Mann gesucht. Auf der Hochzeit eines Bekannten fand ich dann auch einen. Wir waren zwei Jahre zusammen. Ich habe aber immer wieder gemerkt, dass mir etwas fehlte. Mich haben seine Annäherungsversuche gestört und erst nach eineinhalb Jahren hatten wir Sex. Damit hatte ich auch den Beweis, dass ein Mann nichts für mich ist. Ich habe ihm gesagt, dass ich eventuell lesbisch sei.
Du hast es ihm gesagt?
Ja. Heute weiß ich, ich hatte Glück. Er ist ein moderner Türke, aber er hätte auch ganz anders regieren können.  Er war allerdings sehr bestürzt und suchte den Fehler bei sich. Er wollte lange Zeit nicht wahrhaben, dass mir Männer einfach nicht gefielen. Er hat mich dann extrem gestalkt und sagte, er würde mir beweisen, dass ich auf Männer stehe. Ich habe nie nachgehakt, was genau er damit meinte. Ich hatte mich entschieden, nichts mehr mit Männer zu haben und meinen wahren Gefühlen nachzugehen.
Seitdem bist Du zweifelsfrei lesbisch?
Nein. Ich habe noch bis vor etwa fünf Jahren ein Problem damit gehabt. Irgendwie hatte ich davor Angst, ich dachte ab und zu sogar: Vielleicht ist es ja doch nur eine Phase, vielleicht muss einfach nur der richtige Mann kommen? Dann habe ich meine heutige Freundin kennengelernt. Wir haben uns erst sechs Monate gedatet und von Anfang an alle Karten offen auf den Tisch gelegt. Auch die Situation mit meinen Eltern; dass sie nichts von meiner sexuellen Orientierung wissen und dass ich nicht vorhabe, es ihnen zu sagen. Meine Freundin hat das verstanden. Ich glaube, ohne sie wäre ich heute nicht so entspannt.
Deine Eltern wissen also nicht, dass Du lesbisch bist und seit mehr als vier Jahren eine Beziehung führst?
Nein. Wüssten sie es, würden sie mich ausstoßen.  Sie leben zwar schon seit 40 Jahren in Deutschland und sie haben sich auch integriert, sprechen zum Beispiel  gut Deutsch, aber aufgewachsen sind sie in der Türkei. Die Kultur bleibt. Sie haben noch die Denkweise von damals. Sie kennen nichts anderes und wollen auch nicht anderes kennen. Außerdem sind sie streng religiös.
Wieso aber glaubst Du, sie würden bei ihrer Tochter keine Ausnahme machen?
Weil es eine Schande für die Familie wäre. Der Islam akzeptiert Homosexuelle definitiv nicht. Wenn im Fernsehen Schwule oder Lesben zu sehen sind, kommentieren meine Eltern: Diese Leute kommen in die Hölle. Bis zu meinem 23. Lebensjahr habe ich darunter sehr gelitten. Ich bin dann immer aufgestanden und aufs Klo gegangen, um ja nicht darüber reden zu müssen. Ich hatte Angst, etwas Falsches zu sagen. Mittlerweile verstecke ich mich nicht mehr, ich habe den Mut zu sagen, dass das ja auch nur Menschen seien, die lieben. Dann fragen sie mich aber, wie ich nur denken könne, das das normale Menschen sind.
Tut das Dir nicht weh? Sie reden ja auch über Dich.
Wenn Du siehst, sie blocken ab, dann empfinde ich nicht viel. Ich kann sie nicht von etwas anderem überzeugen.
Also wirst Du Dich vor Deinen Eltern nie outen?
Nein. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren. Meine Familie hat schon zu viel gelitten. Meine Mutter ist krank. Außerdem hat meine Familie mir so viel gegeben. In meiner Kultur dürfte ich eigentlich nicht einmal in einer eigenen Wohnung leben. Und obwohl sie auch damit ein Problem haben, akzeptieren sie es doch irgendwie. Ich habe sogar schon mit meiner Freundin zusammengelebt, aber da meine Eltern zu sehr gestresst haben und nicht verstanden, wieso ich mit meiner besten Freundin lebe, sind wir wieder in zwei verschiedene Wohnungen gezogen.
Sei ehrlich. Du leidest, oder?
Ja. Aber lieber leide ich, als dass meine Familie leiden muss. Klar, ich wünschte, sie wären offener, aber ich kann ihnen auch nicht böse sein.
Bist Du gläubig?
Ich bin gläubig, ja. Und ich kann auch den Koran lesen, aber ich muss nicht fünf Mal am Tag beten. Ich bin islamisch aufgezogen worden, bin zeitweise sogar täglich in die Moschee gegangen. Das ist nicht so einfach abzuwerfen. Aber ich weiß, dass der Islam mich nicht so akzeptiert, wie ich bin. Lesbisch sein und der Islam passen nicht zusammen.  Phasenweise habe ich aber das Gefühl, ich muss beten. Es beruhigt mich dann. Ich lebe meine Religion also so aus, wie ich will. Manchmal gehe ich auch in die Moschee.
Und Deine Freundin ist damit einverstanden?
Klar. Wie gesagt, sie akzeptiert mich so wie ich bin. Deshalb ist sie die richtige für mich. Und zu Weihnachten gehen wir dann auch in die Kirche.
Werden Deine Eltern nicht irgendwann mal fragen, wieso Du keinen Mann heiratest?
Das tun sie schon. Früher habe ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, einen schwulen Mann zu heiraten. Ich hatte sogar schon jemanden in Erwägung gezogen, aber um ehrlich zu sein: Er ist sehr feminin. Meine Eltern hätte da sicherlich was gemerkt. Heute sage ich ihnen immer,  ich bin noch nicht bereit zum Heiraten. Das wird schon klappen. Eine meiner Tanten macht das auch so. Sie ist über vierzig und die Familie hat sich damit abgefunden.
Ist sie vielleicht auch lesbisch?
Ja. (Grinst). Und sie lebt sogar im Osten der Türkei. Die Leute da sind noch viel altmodischer, aber bei ihr klappt es. Wieso sollte es bei mir hier in Deutschland nicht klappen?
Wie willst Du in Deiner Beziehung weitermachen? Für immer in zwei verschiedenen Wohnungen leben?
Ich werde es meinen Eltern nicht sagen, das ist sicher. In ein bis zwei Jahren werden sie  aber ziemlich sicher zurück in die Türkei ziehen. Sie müssen erst einmal sehen, dass es mir hier gut geht. Dann können sie in Frieden gehen. Dann werde ich auch wieder mit meiner Freundin zusammenziehen.
Eine letzte Frage: Ich hoffe, Deine Freundin ist damit einverstanden. Was ist eigentlich aus der schönen Nachbarin geworden?
(Lacht) Ich habe sie immer wieder gesehen, habe sie aber nie angesprochen. Irgendwann bin ich weggezogen.
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