Der Tote im gefrorenen Gras

Image by Domenico Sciurti

Es muss wohl immer dann passieren, wenn man es am wenigsten erwartet. Ich bin schon oft durch den Wald gelaufen, die Kamera fest im Griff, auf der Suche nach etwas, das einen Knopfdruck Wert ist. Während die Morgenfrische die Haut unter den Augen spannt und dunkle Silhouetten aus den Büschen von den Seiten ins Blickfeld springen, laufen Bilder des Vorabendkrimis im Kopf ab. Wie muss es wohl sein, eine Leiche zu entdecken?

Ich war wieder einmal unterwegs. Stampfte in der Kälte durch das kniehohe, gefrorene Gras. Gestern erst fielen die Temperaturen und Eis legte sich an diesem Morgen auf das herbstliche Grün, als wollte es die Pflanzen ersticken. Von der Ferne entdeckte ich eine Art Zelt. Als ich näher kam, erkannte ich das Gewächshaus. Die Zeit hatte es zerfressen. Sein Skelett stand wackelig im kühlen Wind und Fetzen seiner Plane baumelten daran wie verweste Hautstücke. Ich näherte mich immer mehr, langsam, vorsichtig. Bevor ich einen Fuß nach vorn setzte, vergewisserte ich mich, dass ich nicht in die Hinterlassenschaften von Hunden hinein trat. Zuhauf wurden die Tiere in dieser Gegend von der Leine gelassen. Eigentlich verwunderlich, dass noch niemand das entdeckt hatte, was ich gleich entdecken sollte. Am rechten Bein des Skeletts machten meine Augen etwas aus. 

Schwarz, weiß, ich konnte zunächst nicht einordnen, was es war. Mein Herz erkannte es wohl schneller als mein Kopf, den plötzlich schlug es wie wild gegen das Innere meiner Brust. Instinktiv stolperte ich einen Schritt zurück. Dann sah ich ein Ohr. Einen Arm. Das Fell, das früher einmal weiß gewesen war, hatte sich in grau gewandelt, grün-braune Flecken verteilten sich auf dem Rücken. Die Lage des Kopfes ließ nicht daran zweifeln, dass kein Leben in dem kleinen Körper war. Die Schwerkraft hatte den Mund mit der Zeit tiefer in den Boden gedrückt. Der Teddybär war eindeutig tot – von einem kleinen Mädchen hinterlassen und vergessen.

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