Knopfdruck in die Zukunft

Für Amazon ist der Alltag ein stimmiger Rhythmus: Das Aufpoppen der Zahnpastatube, das Gurgeln der Kaffeemaschine, das Einrasten der Mikrowellentür – es sind Laute, die zusammen die Basslinie eines lebensfrohen Liedes bilden. Bis die Realität die Musik stoppt.

Für Amazon ist der Alltag ein stimmiger Rhythmus: Das Aufpoppen der Zahnpastatube, das Gurgeln der Kaffeemaschine, das Einrasten der Mikrowellentür – es sind Laute, die zusammen die Basslinie eines lebensfrohen Liedes bilden. Bis die Realität die Musik stoppt. Denn Produkte gehen aus. Das Lied kann erst weitergehen, wenn das fehlende Konsumgut nach mühevoller Einkaufsaktion nachgefüllt wird. Doch dank des Amazon Dash Buttons ist das nicht mehr nötig. Ein Mal gedrückt ist gleich nachbestellt.

So hat der Internethändler sein neues Produkt in einem Werbespot vorgestellt, der am Tag vor dem ersten April veröffentlicht wurde. Zunächst dachten viele aufgrund des Datums, dass es sich um einen Aprilscherz handelte. Doch der Amazon Dash Button ist echt. Er soll ermöglichen, dass die Symphonie des alltäglichen Konsums nie mehr unterbrochen werden muss.

Der Button ist, wie der Name im Englischen sagt, ein Knopf; im buchstäblichen Sinne. Und er kann als Meilenstein im Trend des „Internets der Dinge“ angesehen werden. Er funktioniert zusammen mit der Amazon App sowie einer Wifi-Verbindung und ist eine bequeme Möglichkeit, Produkte, die ohnehin viel und regelmäßig konsumiert werden, schnell und einfach nachzubestellen.

Der Knopf ist etwa so groß wie ein USB-Stick oder ein Feuerzeug und wird per Klebestreifen oder Haken an die Waschmaschine, im Bad neben der Toilette, an die Kaffeemaschine – kurz gesagt: überall da angebracht, wo er bequem zu erreichen ist. Läuft dann das Waschmittel aus. Drück. Toilettenpapier leer. Drück. Keine Rasierklingen mehr. Drück. Das Produkt wird innerhalb von zwei Tagen direkt nach Hause geliefert.

Vorab stellt der Kunde über die App ein, welches Produkt genau und in welcher Menge er zukünftig mit einem Knopfdruck kaufen möchte. Einmal geklickt versendet Amazon eine Bestätigungsnachricht aufs Telefon. Wer versehentlich bestellt hat, erhält so die Möglichkeit, seine Order wieder zu löschen.

Auch müssen beispielsweise Eltern nicht fürchten, dass sie eines Tages die Haustür öffnen und ihnen ein lebenslanger Vorrat an Windeln entgegenfällt, weil das neugierige Kleinkind in einem unbeobachteten Moment fröhlich auf dem neuen Objekt am Wickeltisch herumdrückt hat. Der Knopf reagiert immer nur auf den ersten Klick. Bestellt werden kann erst wieder nach Lieferung.

Nur Amazon Prime-Mitglieder in den Vereinigten Staaten können derzeit eine Einladung in das Dash Button-Programm anfragen. Wer ausgewählt wird, erhält bis zu drei Knöpfe. Die weisen jeweils die Logos der Produkte seiner Wahl auf. „Wir starten jetzt mit 18 Partnern für den Dash Button“, sagt Kinley Pearsall, Presseverantwortliche bei Amazon. Bestellt werden können beispielsweise Bounty-Küchenrollen, Waschmittel von Tide, Rasierklingen von Gillette, Gesichtspflege von Olay, Mac & Cheese von Kraft und  Maxwell House Kaffee.

In Deutschland wird es den Bestell-Knopf vorerst nicht geben. „Wir haben keine Pläne für den Dash Button außerhalb der USA“, bestätigt Pearsall. „Wir wollen jetzt erst einmal, dass Kunden (in den USA) den Dash Button benutzen und uns ihre Erfahrungen zurückmelden.“

Die könnten durchaus positiv ausfallen, denn die Vorteile für den Nutzer liegen auf der Hand: Lästige Einkaufstouren sowie schweres Tragen bleiben erspart. Selbst das Online-Shopping fühlt sich im Vergleich zum Knopf-Drücken wie eine Ewigkeit an. Der Kunde kann seine Freizeit für Wichtigeres nutzen.

Auch auf Unternehmerseite kommt der Amazon-Knopf mit Vor- und Nachteilen. Wer es zum Kooperationspartner von Amazon geschafft und sein Logo auf einen Dash Button in die Haushalten geschleust hat, der muss seine Kunden nicht mehr davon überzeugen, sein Produkt ein weiteres Mal zu kaufen. Der Knopf hängt ja schon da – gut sichtbar, am Kühlschrank, an der Waschmaschine, im Badezimmerschrank. Es ist diese Leichtigkeit, die so verführerisch ist.

Sollte sich der Dash Button etablieren und später vielleicht einmal mehr Verbraucher ihre Haushalte mit den kleinen Plastikobjekten schmücken, läge der Nachteil dann wohl vor allem bei Unternehmen, die keine Kooperation mit dem Internethändler auf die Beine gestellt bekommen, oder mit den Bedingungen Amazons nicht einverstanden sind. Sicherlich wird sich die gesamte Produktpalette verkleiner, einige Produzenten vielleicht ganz aus dem Rennen geworfen werden.

Der Kunde, der sich einmal auf ein Produkt festgelegt und die Bequemlichkeit des Drück-Knopf-Bestellens ausgekostet hat, wird eine andere Marke so schnell nicht ausprobieren. Er könnte gefangen werden in seiner eigenen Faulheit. Und das könnte die Kunden auch vom Supermarkt um die Ecke fernhalten. Amazon-Sprecherin Pearsall bleibt jedoch angesichts solcher möglichen Konsequenzen entspannt: „Unser Ziel ist es, Kunden eine weitere Option zum Einkaufen auf Amazon zu bieten“, sagt sie. „Es liegt am Kunden, welchen Weg er nutzt, um neue Produkte zu kaufen.“

Der Amazon Dash Button findet gerade im Internet Zuspruch. Als Zeichen aus der Zukunft bezeichnet ihn beispielsweise Time-Autor Paul Roberts. Doch auch Kritik und Zweifel kommen nicht zu kurz. „Wird Technologie wie der Amazon Dash Button uns dumm machen?“, fragt er. Besonders sorge ihn, dass Fähigkeiten eliminiert werden könnten, die den Menschen dazu befähigen, den Alltag zu meistern. Solche Errungenschaften fänden ja gerade deswegen so viel Zuspruch, weil sie alltägliche und zeitkonsumierende Hürden ganz aus dem Weg schafften.

Ein weiteres Problem stellt der Datenschutz dar. Der Dash Button sammelt, wie jedes Gerät, das über das Internet operiert, Unmengen an Informationen. Auf diese Weise blicken Unternehmen immer tiefer in die Gewohnheiten der Konsumenten. Der gläserne Kunde ist bereits Realität, gerade Amazon-Käufer werden immer wieder mit Vorschlägen konfrontiert, die der Händler nur über die Surfgewohnheiten herausfinden konnte. Der Button erlaubt mehr Einblicke in das Konsumverhalten offline.

Der Amazon Dash Button ist nur der erste Schritt in eine Zukunft, in der das Internet der Dinge immer mehr an Bedeutung gewinnt. Amazon begibt sich mit dem weiterführenden Dash Replenishment Service in tiefere Gefilde. Das Angebot sieht zweierlei vor: Produzenten bauen einen Knopf in ihre Maschinen ein, sodass der Konsument dann gleich über diesen zum Beispiel Kaffee-Bohnen, Waschmittel oder Tinte nachbestellen kann.

Eine weitere Variante klingt futuristischer: Mithilfe entsprechender Sensoren erkennen die Maschinen selbst, wann die Güter leer gehen, und bestellen automatisch nach. Der Kunde muss dann nicht einmal mehr auf einen Knopf drücken. Kooperationen bestehen bereits mit Whirpool, Brita, Quirky und Brother. Der Replenishment Service befindet sich noch in Testphase, soll aber im Herbst für weitere Produzenten zugänglich werden.

Ob Dash Button oder Replenishment Service: Die Anstrengungen Amazons weisen in die Zukunft – eine Zukunft, in der das Einkaufsverhalten noch weiter verändert wird, als es das Internet ohnehin schon getan hat. „Wir wollen Kunden viele Möglichkeiten geben, einfach alles zu bestellen, was sie wollen“, bestätigt Pearsall. „Um ihr Leben einfacher zu machen.“ Für den Konsumenten wird es sicher leichter, sich mit dem Nötigen (oder Unnötigen) einzudecken – vielleicht sogar zu einfach.

Aber dadurch steht ihm wenigstens mehr Freizeit zur Verfügung, die er dazu nutzen kann, mehr Musik zu hören. Die Symphonie des Konsums zum Beispiel: das Aufpoppen der Zahnpastatube, die gurgelnde Kaffeemaschine, die einrastende Mikrowellentür – und zwischendurch immer wieder der Ton, den der Amazon Dash Button macht, wenn mal wieder das jeweilige Produkt leer gegangen ist. Drück.

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Eine Antwort zu “Knopfdruck in die Zukunft

  1. Interessant, aber nicht wirklich überzeugend… Ich denke gerade an eine mehrköpfige Familie: sprechen die sich ab bevor der Zahnpasta-Button gedrückt wird? Schließlich sind jedes Familienmitglied, dass die Zahnpasta zu Ende geht.
    Oder die Kaffee-Kapseln: die gibt es doch in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Klebe ich die Kaffeemaschine mit allen meinen favorisierten Kaffeesorten zu? Hmmm… Grübel… Ich weiß nicht so recht…

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